Nicht nur Schnickschnack ...


Freitag, 9. Dezember 2011

Die himmelblaue Christbaumkugel


Eine kleine Weihnachtsgeschichte, die wir vor vielen Jahren mit unserem Wellensittich erlebt haben.
Unsere Bettina wünschte sich sehnsüchtig etwas „Lebendiges“. Eines Tages kam sie dann ganz aufgeregt von Frau Sonntag, der Wellen­sittichzüchterin, nach Hause. Es waren wieder Junge da und natür­lich war ein Vogel dabei, den Bettina gleich in ihr Herz geschlos­sen hatte. Mich hatte sie bald überzeugt und dann wurde auch der Papa überredet, dem neuen Hausgenossen zuzustimmen. Tweedy Butschi sollte er heißen. Über seine strahlend blaue Brust zog sich ein weißer Streifen und das Federkleid leuchtete grau-weiß-blau. Zuerst noch sehr zurückgezogen, gewöhnte er sich schnell an Bettina und sie schaffte es mit viel Geduld und Liebe, ihn in ein paar Tagen handzahm zu machen. Er kam sofort, wenn sie ihn rief oder nach ihm pfiff, ließ sich auf ihrer Schulter hin- und hertragen. Wenn er sie nicht sah, piepte er solange, bis sie zu ihm kam. Am liebsten hatte er es, wenn Bettina mit ihm schmuste. Ewig konnte er auf ihrer Hand sitzen und sich an ihre Wange kuscheln.
Bald hatte er sich auch an uns Erwachsene gewöhnt und wurde sehr zutraulich. Seine Käfigtür war den ganzen Tag geöffnet und er nahm eifrig am täglich Leben teil. Besonders die Mahlzeiten hatten es ihm angetan. Sobald die Teller klapperten, saß Tweedy Butschi schon auf der Stuhllehne und beobachtete, was auf dem Tisch vor sich ging. Er rannte von einem Teller zum anderen und probierte. War mal etwas zu heiß, schimpfte er fürchterlich. Wenn es ihm schmeckte, war es fast nicht möglich, ihn zu verjagen, damit er ja nicht zu­viel bekam. Von der einen Seite scheuchten wir ihn weg, von der an­deren Seite war er wieder da. Zu Anfang war er dann noch recht un­gestüm und es passierte öfter, dass er in den Teller rutschte, über das belegte Brot lief und einmal fiel er uns auch in die Soßen­schüssel, als es Rouladen gab. Spaghetti mit Tomatensoße erkor er zu seinem Lieblingsgericht und danach war sein Federkleid stets rot gesprenkelt. Das anschließende Bad unter dem Wasserhahn schien er allerdings immer sehr zu genießen.
Das erste gemeinsame Weihnachten mit Tweedy Butschi werden wir wohl alle in Erinnerung behalten. Unser gut gewachsener Baum im Wohnzim­mer mit seinem glitzernden Schmuck interessierte ihn überhaupt nicht. Auf der Fensterbank stand sein Kletterbaum, auf dem er sich vergnügte und das reichte ihm auch.
Der Tisch für das Weihnachtsessen war gedeckt und Tweedy als erster dabei. Seine Flugkünste demonstrierte er wieder einmal gefährlich dicht über der Soßenschüssel. Deshalb waren wir uns ei­nig, ihn ins Wohnzimmer zu bringen und die Tür zum Eßzimmer zu schließen. Das paßte ihm gar nicht und er schimpfte in den höchsten Tönen. Nach einer Weile hatte er sich wohl besonnen und es wurde still. Wir konnten nun in Ruhe essen. Kein Piepen, kein Ziepen, keinen Ton hörten wir von Tweedy Butschi. Das beun­ruhigte uns aber nun doch. Bettina öffnete die Tür und sah nach. Kein Vogel zu sehen. Mein Mann und ich ließen nun auch unseren su­chenden Blick durch das Zimmer wandern. Und dann erstarrten wir alle vor Schreck. Unser Tweedy hing mit dem Kopf nach unten im Weihnachtsbaum, ganz still und ganz starr. Einer von uns hatte eine Süßigkeit vom Weihnachtsbaum genascht und den goldenen Zwirn hängen lassen. Aus irgendwelchen Gründen hatte sich bei unserem Vogel nun doch das Interesse geregt, sich den Baum aus der Nähe anzuschauen und dabei war er mit seinem Fuß in die Schlinge geraten, die sich dann fest um sein dünnes Beinchen zugezogen hatte. Und nun hing der arme Kerl da. Auf den ersten Blick konnte man meinen, er sei eine leuchtend himmelblaue Christbaumkugel. Aufgeregt rannten wir los, eine Schere zu holen, um das arme Tierchen zu befreien. Nachdem der Faden durchgeschnitten war und Tweedy sich wieder in einer normalen Lage befand, gelang es meinem Mann mit großer Mühe, die Schlinge, die sich mittlerweile schon ganz eng zugezogen hatte, von dem dün­nen Beinchen zu entfernen. Wir waren alle sehr bemüht, unseren Tweedy zu streicheln und beruhigend auf ihn einzureden und bald flog er wieder unbekümmert von einem Raum in den anderen. Dem Weihnachts­baum schenkte er keinerlei Beachtung mehr und auch uns saß der Schreck noch lange Zeit in den Gliedern. Nicht auszudenken, wenn wir unseren fröhlichen Hausgenossen nicht rechtzeitig entdeckt hät­ten.

Kommentare:

  1. Ja man kann gar nicht so dumm denken wie es manchmal kommt! Wie gut, dass ihr nachgeguckt habt! Und Wellensittiche sind ja sehr neugierig und überall dabei.Und niedlich ohne Ende!
    Liebe Grüße von Regina

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  2. Liebe Nora,
    eine wunderschöne Weihnachtsgeschichte. Ich denke, Ihr werdet jedes Jahr zur Weihnachtszeit an Euren Tweedy Butschi denken.
    Euch allen einen gemütlichen 3. Advent wünscht
    Gila

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